Logo Dokumentationszentrum Demmlerplatz

Helmuth Schmidt

Helmuth Schmidt siedelt 1953 als überzeugter Sozialist von der Bundesrepublik in die DDR über. Der Westfale aus dem Ruhrgebiet glaubt, sich mit diesem Schritt für das bessere und friedlichere Deutschland entschieden zu haben. Seine ersten Jahre in der neuen Heimat verbringt er in Thüringen. Später zieht es ihn nach Parchim, dem Wohnort seiner Großeltern. 1962 heiratet er seine große Liebe und gründet eine Familie. Nicht nur privat, sondern auch beruflich scheint es für ihn voran zu gehen. Innerlich gerät Helmuth Schmidt jedoch zunehmend ins Grübeln: Der Ungarn- Aufstand 1956, der Mauerbau 1961 und die Niederschlagung des „Prager Frühlings” 1968 sind Ereignisse, die sich nicht mit seinen politischen Idealen vereinbaren lassen. Die Ausbürgerung des regimekritischen Liedermachers Wolf Biermann im Anschluss an ein Konzert in Köln am 13. November 1976 veranlasst nicht nur viele DDR-Intellektuelle zum Protest. Entsetzt über die einseitige Berichterstattung in den Medien legt der Wahl-Parchimer zunächst telefonisch Beschwerde bei der Redaktion der „Schweriner Volkszeitung” ein. Nach der Herstellung und Verteilung von Flugblättern gegen diese Willkürmaßnahme des SED-Regimes wird er wegen „staatsfeindlicher Hetze” verhaftet und zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Nach der Herabsetzung des Strafmaßes und Freikauf durch die Bundesrepublik darf er vorzeitig mit seiner Familie in den Westen ausreisen.

Lebenslauf
20.03.1932

Geboren in Heessen (Westfalen)

1938 - 1946

Schulbesuch, Abschluss der 8. Klasse

1946 - 1949

Lehre als Stellmacher

1950

Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ)

1951

Teilnahme an den Weltfestspielen der Jugend in Ost-Berlin

1953

Übersiedlung nach Zella-Mehlis in Thüringen / DDR

1953 - 1955

Tätigkeit als Maschinenarbeiter in Zella-Mehlis

1955

legale Rückkehr in die Bundesrepublik aus familiären Gründen

1957

Mitglied des Organisationskomitees der Weltfestspielen der Jugend in Moskau

1957

Erneute Übersiedlung in die DDR

1958

Umzug nach Parchim

1962

Heirat

1964 - 1966

Besuch der Ingenieurhochschule Wismar

1966 - 1968

Meister auf verschiedenen Großbaustellen im Bezirk Schwerin.

1968 - 1970

Technologe beim Industriebaukombinat Schwerin

1971 - 1976

Bauleiter der Kreispoliklinik Parchim

19.11.1976

Ausbürgerung von Wolf Biermann

21.11.1976

Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung: Verteilung von Flugblättern im Stadtgebiet von Parchim

23.11.1976

Einleitung des Operativen Vorgangs „Verfasser” durch die MfS-Kreisdienststelle Parchim

25.11.1976

Festnahme durch Angehörige des MfS

26.11.1976 - 02.05.1977

Inhaftierung in der Untersuchungshaftanstalt des MfS am Schweriner Demmlerplatz

18.02.1977

Verurteilung durch das Bezirksgericht Schwerin zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren wegen „staatsfeindlicher Hetze”

06.04.1977

Urteilsrevision durch das Oberste Gericht. Absenkung der Freiheitsstrafe auf drei Jahre aufgrund der „früheren Teilnahme des Angeklagten am Kampf fortschrittlicher Kräfte in der Bundesrepublik”

02.05.1977

Verlegung in die Untersuchungshaftanstalt in der Schweriner Klosterstraße

21.06.1977

Überführung in die Strafvollzugsanstalt Brandenburg-Görden

12.06.1978

Verlegung nach Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz)

20.06.1978

Ausreise durch Freikauf in die Bundesrepublik

13.09.1978

Nachzug der Ehefrau und des Sohnes nach Heessen

30.01.1992

Rehabilitierung

Wolf Biermann über Helmuth Schmidt

„Beide kamen wir aus dem Westen in die DDR, und beide sind wir dabei womöglich östlicher geworden als die eingeborenen Ur-Ossis, wir nämlich waren freiwillig in diesem falschen Paradies.“

Wolf Biermann über Helmuth Schmidt

„Beide kamen wir aus dem Westen in die DDR, und beide sind wir dabei womöglich östlicher geworden als die eingeborenen Ur-Ossis, wir nämlich waren freiwillig in diesem falschen Paradies.“

Helmuth Schmidt – tja, so heißt er nun mal. Als dieser Mann mich vor etlichen Jahren nach einem meiner Konzerte ansprach und seinen Namen nannte, dachte ich, das sollte eine kleine Politblödelei sein. Solch ein Helmuth mit „th” fehlte mir gerade noch. Seit ich diesen Sommer 2005 das Buchmanuskript mit dem Bericht über seine Erfahrungen als Häftling in den Jahren 1976, 1977 und 1978 las, kann ich ohne alle Übertreibung sagen: gerade dieser unberühmte Schmidt fehlte mir wahrhaftig noch in meinem privaten Pantheon tapferer Menschen. Seine Vita liest sich streckenweise so, als ob ich in einen zerbrochenen Spiegel starre: verwirrende Ähnlichkeiten, entwirrende Unterschiede. Ich entdecke in seinem Schicksal verfremdet mein eigenes, sehe also mit neuem Blick auch meine eigene Lebensgeschichte. Beide kamen wir aus dem Westen in die DDR, und beide sind wir dabei womöglich östlicher geworden als die eingeborenen Ur-Ossis, wir nämlich waren freiwillig in diesem falschen Paradies.

Der Fall Helmuth Schmidt
zurück zur Übersicht